Eine ganz persönliche Geschichte mit Zuversicht und Ideen für all diejenigen, die am eigenen (rhetorischen) Talent oder Können zweifeln.
Eine Erzählung darüber, welch frischen Blick mir mein Hobby auf Rhetorik und Kommunikation gegeben hat.
Asiatische Kampfsportarten haben mich schon als Jugendliche fasziniert. Die Kraft und Energie, die ausgestrahlt werden, wie Körper und Geist zusammenspielen, die Beweglich- und Gelenkigkeit, die eleganten Bewegungen und Techniken sprechen meinen sportlichen, vor allem aber meinen ästhetischen Sinn an. Voller Bewunderung sehe ich mir gut choreographierte Kampfszenen in Filmen an und denke:
„Wow, wie beeindruckend …, wie elegant …, wie artistisch …“, um im nächsten Moment zu denken: „Das könnte ich nie …“.
Trotz meiner Begeisterung habe ich nie selbst mit Kampfsport angefangen. Ich dachte immer, es sei eher ein Männersport, ich sei zu ungeeignet, passe da nicht hin: nicht ehrgeizig genug, zu ungelenkig, zu dick, irgendwann dann auch zu alt, zu … was auch immer. Bis mir 2018 jemand begegnete, der mich ermutigte, es ruhig mal auszuprobieren. Er hat selbst viele Jahre Kampfsport betrieben und auch junge Leute trainiert. Jedenfalls erzählte er mir, es gebe viele Kampfsportarten und Vereine, in denen es nicht um Konkurrenz, Gewinnen um jeden Preis oder andere Klischees geht, sondern um Fairness oder den Spaß am Sport.
Ganz motiviert machte ich mich also auf die Suche und war positiv überrascht, in meiner Nähe einen Karate-Verein zu finden, der zumindest laut Website-Auftritt eine Kampfkunst (nicht Kampfsport) bewarb, die mir gefiel und mir meine Zweifel und Sorgen nahm.
Und siehe da: Mit Mitte 40, zwar sportlich, aber sicherlich nicht dem Ideal einer Kampfsportlerin entsprechend, bin ich im Sommer 2018 der Karate-Gemeinschaft Bergisch Gladbach e. V. beigetreten. Ich habe es bis heute nicht bereut!
Was hat das Ganze nun mit Rhetorik zu tun?
Hältst Du Dich für eine*n eher unbegabte*n Redner*in, dann konzentriere Dich auf die Gründe, warum Du es trotzdem tust und/oder den Nutzen für Dich bzw. Dein Publikum!
Viele Menschen denken: entweder eine Person ist der/die geborene Redner*in und hat das angeborene Talent oder eben nicht. Und wenn ich nicht zu Kategorie eins gehöre, wird es mir immer schwerfallen, souverän überzeugende, „spritzige“ Reden zu halten. In diesem Fall habe ich vor allem auf Redebühnen nichts zu suchen. Ein*e tolle*r Speaker*in werde ich nie sein.
So dachte ich ja auch über Kampfsport, entweder du hast das Talent, fängst schon ganz früh an, am besten im Kindesalter, oder du lässt es einfach bleiben.
Zugegeben, ich werde nie die beste Karateka sein … Was auch immer das konkret bedeuten soll. Aber ehrlich gesagt war und ist das auch überhaupt nicht mein Anspruch. Das verlangt auch kein Mensch von mir!
Was verspreche ich mir also sonst von Karate? Ich möchte vor allem Spaß haben, mir mental und physisch etwas Gutes tun: einen körperlichen Ausgleich schaffen, meine grauen Zellen und meine Koordinationsfähigkeit in Schwung halten. Ja, mich auch herausfordern, Kraft tanken, etwas neues Lernen, aktiv einen energiereichen Sport in guter Gesellschaft betreiben …
Und all das erfüllt es!
Wenn Du also denkst: „Ich werde nie der/die super Speaker*in sein!“ frage ich Dich: „Musst Du das denn überhaupt?“
Frag Dich gerne, welche rhetorischen Anforderungen für Deine Aufgabe, Deine Funktion und Rolle im Unternehmen überhaupt relevant sind?
In welchen Situationen sprichst Du vor Menschen? Aus welcher Motivation heraus, zu welchem Anlass sprichst Du zu Kolleg*innen, Geschäftspartner*innen? Was möchtest oder sollst Du dann erreichen? Welchen Nutzen bringt es Dir? Welchen Nutzen hat es für Dein Publikum?
Gerade im Berufsalltag können wir nicht immer nach dem Lustprinzip frei entscheiden, worüber wir wann wo zu wem sprechen. Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, für sich gute Gründe zu identifizieren.
Karateka = Karatelernende(r)
Hast Du (Selbst-)Zweifel, dann fokussiere Dich auf Deine Vorlieben und Stärken!
Es gibt Dinge im Karate, die mir nicht nur Spaß bringen, sondern die ich gut kann, in denen ich zeigen kann, wo meine Stärken liegen: technische Umsetzung, mir den Ablauf der Kata merken, Präsenz und Stabilität, Kiais mit Kraft und Raumfülle, im Kumite hart im Nehmen sein.
Wenn Du also denkst: „Ich werde nie der/die super Speaker*in sein!“ frage ich Dich: „Was bedeutet ‚super Speaker*in‘ ganz konkret für Dich?“
Schau doch mal, ob es nicht vielleicht etwas gibt, das an Deiner Art zu reden, Deiner Art Präsentationen zu halten, Deiner Art Vorträge zu gestalten und Themen aufzubereiten andere Menschen anspricht?
Überlege, was zu Dir passt und was Dich ausmacht, wenn Du vor einer Gruppe von Menschen sprechen sollst:
Liebst Du es z. B. komplexe Zusammenhänge und Prozesse in Geschichten zu verpacken oder fällt es Dir leicht, das Wesentliche zu erfassen und schnell auf den Punkt zu bringen?
Was sind Deine rhetorischen Stärken? Sprichst Du wohl überlegt und bedacht oder redest Du zwar (zu) schnell, aber es gelingt Dir, die wichtigsten Inhalte verständlich darzustellen? Weißt Du mit leisen Tönen zu überzeugen oder bringst Du mit dynamischem Schwung Dein Publikum zum Nachdenken?
Bist Du Expert*in der Vorbereitung, zeichnest Dich durch ein feines Gespür für Sprache und Formulierungen aus, hast Freude am Argumentieren oder lässt Du Dich von Deiner Kreativität zu unüblichen Präsentationsformen inspirieren?
Schaffst Du es vielleicht, ganz schnörkellos und gerade heraus eine Verbindung zu Deinem Publikum aufzubauen?
Kata = „Form“ (eine Art Schattenkampf, festgelegtes Kampfritual)
Kiai = Kampfschrei
Kumite = Zweikampf, Kampfübung mit Partner
Entwickle Deinen eigenen Stil!
Ja, Rhetorik ist – ebenso wie Karate – Anwendung von Techniken und Kunst im Ausführen zugleich. Rhetorik – ebenso wie Karate – ist aber eben auch Ausdruck der Persönlichkeit mit Wirkkraft nach außen. So wie es individuelle Kampfstile gibt, gibt es individuelle Rede- und Vortragsstile, die Dein Gegenüber ansprechen, begeistern, beeindrucken, überzeugen.
Ich erlebe es immer wieder: Jede*r bringt schon viel rhetorisches Können mit. Es bedarf oft nur eines Feinschliffs in einzelnen Bereichen und nur in den seltensten Fällen Perfektion. Also mach Dir Deine individuellen rhetorischen Fähigkeiten bewusst! Vertrau ihnen und setze sie selbstbewusst ein!
Eindrücke und Erkenntnisse aus dem Karate-Training, die auch für Deine Reden und Vorträge nützlich sein können:
- Regelmäßiges Üben und Trainieren sorgen für gewohnte Abläufe und geben Dir Kraft, Routine und Sicherheit,
- den eigenen Körper wahrnehmen und ein gutes Körpergefühl entwickeln, führt fast ganz von alleine zu einer starken körperlichen Präsenz,
- in Standfestigkeit und Stabilität bei gleichzeitiger Flexibilität zeigt sich Fertigkeit und Kompetenz,
- erlernte Techniken sowie ein gewachsenes Selbstvertrauen sind nützlich, um auch auf unerwartete Ereignisse spontan reagieren zu können,
- in sich ruhen und mentale Stärke verschaffen Dir Gelassenheit in herausfordernden Sprechsituationen,
- Intention im Tun bringt Kraft im gesamten sprecherischen Ausdruck,
- Stimmkraft kommt aus dem Körper.
Was konnte ich sonst noch von Karate für mich und meine Arbeit als Rhetorik- und Kommunikations-Trainerin lernen?
Mit Sprecherziehung, Rhetorik und Kommunikation beschäftige ich mich schon sehr viel länger als mit Karate. Schnell habe ich jedoch Analogien entdeckt.
Ich war begeistert, dass der Verein die Gemeinschaft nicht nur bewirbt, sondern auch so vorlebt: es gibt z. B. keine Wettkämpfe oder Gürtelprüfungen, jeden Abend reinigen die einzelnen Gruppen das gesamte Dojo von den einzelnen Trainingsräumen bis hin zu den Toiletten. Fällt man aus gesundheitlichen Gründen länger aus, gibt es gerne eine aufmunternde Genesungskarte usw. Im Training geht es darum, die individuellen Fähigkeiten auszubauen ebenso wie sich auf sein Gegenüber einzustellen und sich gegenseitig zu unterstützen.
Besonders beeindruckend fand und finde ich, wie das in den Ferientrainings umgesetzt wird, wenn alle von Jung (ab 13) bis Alt, egal ob blutige*r Anfänger*in oder erfahrene*r Veteran*in, miteinander trainieren. Ja, natürlich wird auch gegeneinander gekämpft und klar gehört auch Ehrgeiz mit dazu, aber dennoch findet alles im Miteinander, mit Wertschätzung und Respekt statt.
Gerade das Erleben dieses generationsübergreifenden Miteinanders ohne Häme oder abfällige Blicke und Sprüche, bei dem sich alle aufeinander einstellen, hat meine Perspektive auf gelingende Kommunikation erweitert. Es hat mir verdeutlicht, was möglich sein kann, wenn der Rahmen stimmt, wenn sich alle respektvoll begegnen, aufmerksam sind, sich beteiligen und an einem Strang ziehen.
In meinen Rhetorik- und Kommunikations-Seminaren lege ich großen Wert auf einen wertschätzenden, unterstützenden Umgangston, der den Gemeinschaftssinn stärkt und jede*n Einzelne*n ermutigt:
Im Miteinander voneinander lernen, individuell zu schauen, unterschiedliche Kontexte berücksichtigen statt ein und dasselbe Lernziel für alle oder einem scheinbar allgemeingültigen Ideal hinterherjagen. Sich nicht immer mit den anderen („besseren“, „erfahreneren“, „routinierteren“) Teilnehmenden messen, sondern die eigene Leistung, die eigene Komfortzone, die eigene Situation sehen sowie Fortschritt und Weiterentwicklung von der eigenen Ausgangslage her messen.
Ganz allgemein hat mir Karate vor Augen geführt, wie fruchtbar und kreativ es sein kann, wenn wir unterschiedliche Bereiche unseres Lebens miteinander verknüpfen und vorhandenes Wissen auf andere Fragestellungen anwenden. So lassen sich aus dem einen Bereich Ideen für den anderen entwickeln. Es lässt mich wachsen, die eigene Persönlichkeit weiterentwickeln.
Welche ungewöhnlichen, ergiebigen Kombinationen in Deinem Leben inspirieren Dich?

